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Der kleine Prinz

1. Okt.
4 Min. Lesezeit

Gedankenwanderung - am 1. Oktober 2026


Der kleine Prinz


Oft ist er wieder da. Wenn ich an der Heizung stehe oder nach draußen sehe.


Ich war zehn Jahre alt, als ich mein erstes Theaterstück sah. Es ging mir tief unter die Haut. All die Menschen, die der kleine Prinz traf... sie hörten ihm nicht richtig zu und sie waren mit anderen Dingen auf ihren Planeten beschäftigt, gefangen ganz in ihrem eigenen Universum.


Doch der kleine Prinz war auf Reisen. Bei ihm zu Hause gab es eine Rose unter Glas. Er wünschte sich ein Schaf. Er traf einen Piloten in der Wüste.


Die Tiefe der Geschichte holte mich immer wieder ein und ab. Auch in späteren Jahren.


Doch damals, direkt nach der Aufführung, ist etwas Wunderbares geschehen: Ich kam nach Hause und war doch noch ganz im Theater. Es war kalt. Es war Anfang Dezember. Ich stellte mich mit dem Rücken an unsere große alte Heizung und sah nach draußen. In diesem Moment begann es zu schneien. Große Schneeflocken tanzten wie dicke Wattewolken vor meinem Fenster. Sie ließen sich darauf nieder und schmolzen an den Scheiben wie Grüße aus dem All.


Der Moment war so groß und wichtig für mich, weil ich plötzlich fest davon überzeugt war, dass es den kleinen Prinzen da draußen wirklich gab. Er sandte mir Zeichen. Er schickte mir diese Schneeflocken von seinem fernen Planeten.


Am Ende der vierten Klasse schrieb ich mein erstes Theaterstück für unsere aus Eierkartons gebastelten Marionetten. Mein "Professor" war nicht perfekt. Und so erklärte ich meiner Lehrerin, dass er ein wenig krank wäre. Sie meinte, dass er wohl nur ein Hypochonder wäre und erklärte mir, was das Wort bedeutete. So nannte ich ihn "Professor Hypochonder".


Sämtliche andere Marionetten meiner MitschülerInnen - ein Huhn, eine schlanke Dame, einen Dionosaurier und noch einige mehr - band ich mit ein in mein Theaterstück. Professor Hypochonder traf die anderen Wesen und fragte sie nach einem Rezept zum Glücklichsein und Gesundsein. Sie konnten sich alle wunderbar bewegen, doch sie wussten es nicht. So kam er schließlich zu dem Schluss, dass es ihm gut ging. Und fort war der Hypochonder. Er tanzte und bewegte sich auf einmal wie ein Balletttänzer. Denn er war glücklich. Genau so, wie er war.


Wir führten das Stück zum Schulfest der Grundschule auf. Es war das erste Mal, dass meine Fantasie real laufen lernte - an Seilen - und aus Pappe.


Jetzt bin ich längst der Schule entwachsen. Das Wort "erwachsen" gefällt mir immer noch nicht. Sagt es doch nur etwas über ein Alter aus und nichts über die Größe oder das Vorhandensein des Kindes in uns.


Der kleine Prinz ist wieder da.

Denn es wird Winter und ich denke an ihn. Auch ich habe nun eine Rose im Garten und frage mich, wie ich sie schützen kann. Ich habe eine Bilderbuchgeschichte über ein Schaf geschrieben und seine Freundschaft zu einem Hund (unveröffentlicht).


Doch mehr noch: Ich denke an all die Planeten, die hinter mir liegen mit all den Verpflichtungen, den Irrungen und Wirrungen der "erwachsenen" Welt. Und ich lande wieder und wieder in meinem Universum, das ich mir schon als Kind erschaffen habe: in einem Reich voller Möglichkeiten.


Warum sollte es nicht so sein, dass ich mich auch erneut auf die Reise begebe? Warum sollte ich nicht zurück zu ihm finden, zum kleinen Prinzen?


Menschen mit viel Fantasie leben - wie Musil es schrieb - als Möglichkeitsmenschen in einem Reich voller Möglichkeiten. "Denn wenn es Wirklichkeitsmenschen gibt, dann muss es auch Möglichkeitsmenschen geben."


Die Wirklichkeitsmenschen waren die, die der kleine Prinz besucht hat. Er lebte weiter mit seinem fantastischen Möglichkeitssinn und dem Blick durch die Dinge. Er sah in einem Hut einen Elefanten und noch so viel mehr...


Er schaute in die Seelen und verstand die Handlungsweisen der "außerirdischen" Menschen nicht. Wie ein Kind, dem Rechnungen, Steuererklärungen und Abhängigkeiten fremd sind, sah er ihre Welten aus seinen Augen und stellte einfache, sehr kluge Fragen, um komplizierte Antworten zu erhalten. - Antworten, die die Unzulänglichkeit der Erwachsenen zeigte, ihr Abgespaltensein, ihre Besessenheiten, ihr selbstzerstörerisches Wesen und ihre emotionale Blindheit.

Er flog wieder heim zu seiner Rose.


Nach vielen Reisen durch ferne Welten lande ich immer wieder bei ihm. Der kleine Prinz wird nie alt, er wird nie erwachsen, weil es sein Wesen ist, für immer klein und Kind zu sein und dabei doch so viel größer, bewusster und seelenvoller als die Menschen, denen er auf anderen Planeten begegnet ist.


Ich war beides. Ich war in der Welt der Funktionen. In der Welt, in der die Uhr tickt und die Rechenmaschinen klackern. Und das "innere Kind" war oft als - aus meiner Sicht - "blinder Passagier" mit dabei. Bis es seinen Urschrei von sich gegeben hat wie eine Ronja Räubertochter und ich es nicht mehr übersehen, überhören oder überspüren konnte.


Manchmal ist es das Beste, heimzukehren zu seiner eigenen Rose. Sie zu beschützen und zu pflegen. Kind zu sein und zu spielen. In Gedanken, mit Möglichkeiten.


Fern der Planeten anderer und doch stets verbunden mit ihnen, schaue ich heute hinaus zu den herbstlichen Bäumen. Meine Rose ist eine Familie aus neun leuchtend roten Blütenköpfen. Sie hat sich Zeit gelassen, sie alle haben sich Zeit gelassen, um so spät im September noch zu blühen.


Ich drehe die Heizung auf. Ich bin mir sicher: wenn die ersten Schneeflocken fallen, dann sendet er mir wieder einen Gruß: der kleine Prinz. Wie schon damals, als ich zehn Jahre alt war. Doch dann werde ich nicht mit dem Rücken an der Heizung stehen, sondern hinauslaufen, meinen Mund öffnen, die Flocken schmecken, tanzen und jubeln.


Es ist nie zu spät, das Wunder "Kind" in sich und aus sich selbst heraus zu leben. - Andere Planeten sind da - im Schweben und Umschweben. Und um Seelenfutter in die Sterne zu weben.


Ich sage mir: Du weißt nicht, was in dir ist und da draußen, wenn du kein Glas über deine Rose legst und dich nicht auf eine neue Reise begibst. Es geht um die Essenz dessen, was zwischen den Welten liegt. Um die richtigen Fragen und die Antworten, die in den Sternen stehen. Wenn du dein Universum nicht verlässt, wirst du nie erfahren, wohin dich der Weg führen wird, der dir seit so vielen Jahren hinter deinem Fenster entgegenblickt.


T. G. Weinreich

geschrieben am 1.10.2026

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