top of page

Der Stundenlohn einer Rose

  • 13. Mai
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 14. Mai



Wie viel Stundenlohn erhält ein Tischler? Wie viel ein Elektriker? Wie viel eine Lehrerin, eine Kellnerin? Gibt es Trinkgeld? Gibt es zusätzliche Vergütungen? Und warum gendere ich gerade nicht? ... Fragen über Fragen!


Ich bin Schriftstellerin und verkaufe ein E-Book mit 200 Seiten für 4,99 € bei Amazon. Wie viele Stunden habe ich an dem Text dieses Romans meiner Rodiwana-Saga gesessen? Und wie viele Menschen werden ihn NICHT lesen, weil er doch teurer als ein 0,99 € - E-Book ist?


In der neuen Ausgabe der ZEIT (2. Maiwoche 2026) wird danach gefragt, was "Bildung" heutzutage bedeutet. Ein anderer Artikel beleuchtet das Problem eines Geisteswissenschaftlers, der keinen Job finden kann. - Was zählt noch?


Als ich noch als Lehrerin gearbeitet habe, konnten alle mitreden, denn schließlich ist ja jeder mal zur Schule gegangen.


Nun bin ich Schriftstellerin und auch da reden alle mit, denn schließlich schreibt heutzutage jeder (s)ein Buch. Oder ein Ghostwriter macht das oder die KI. Aber dann sitzen alle auf dem roten Sofa und in einer Talkshow und jeder kann mitreden.


Was es wirklich bedeutet, aus Leidenschaft stundenlang zu schreiben, das wissen nur all jene, die ihr Herzblut hineingeben und alle, für die Schreiben wie Atmen ist. Doch wer ist das?


Auf einem Buchcover kannst du es nicht sehen. Du weißt nicht, ob sein Inhalt aus Jux und Dollerei mit KI generiert worden ist, ob jemand mit Champagner neben einem Fußballer gesessen hat, um seine Biografie zu schreiben, jemand mit Sinnkrise allein in einem Kämmerlein gehockt hat, ob eine Mutter mit drei Kindern Zuflucht in ihrer Tastatur gesucht hat, eine Studentin Liebeskummer hatte, ein Geschäftsmann sich nach noch mehr Erfolg gesehnt hat oder ein Politiker nach einem glatteren Profil.


Sollte ich Klischees gefunden haben? So ist das wohl dumm und menschlich.


Du siehst ein Cover an wie das Etikett einer Weinflasche. Du suchst nach einer Zahl, einer Auszeichnung, doch du weißt es nicht. Du weißt nicht, was hinter dem Cover steckt. Du liest den Klappentext. Wie die Bewertung eines Weins. Und du kaufst das Buch.


Du kaufst das, was "sich gut verkauft" in den Buchhandlungen. Was auf Platz 1 der Bestsellerlisten steht oder in deinem Lieblingsverlag veröffentlicht worden ist. Dabei bist du vielleicht auch jemand, der sonst sogar über Manipulation und Meinungsmache schimpft und die Nachrichten kritisch sieht, jemand, der eine eigene Meinung hat, sich seine eigene bildet? Jemand, der mehr noch: sich mit Themen auseinandersetzt?


Dabei nehmen die Zahlen der Masse Einfluss auf deinen persönlichen Lesegeschmack. Doch das siehst du vermutlich nicht. Ein gehyptes Buch wird gekauft. Bücher, die kaum jemand versteht, erhalten Buchpreise. Vermutlich, weil sie niemand versteht und alle sehr schlau sein wollen.


Was mir momentan nicht gefällt, ist, dass über so viele - viel zu geringe - Löhne gesprochen wird, über die Bedeutung von Bildung diskutiert wird und zugleich die "Herzblut"-Schreibenden, die viele Geschichten und viel Tiefgang mit sich bringen, ohne einen Verlag und Beziehungen keine Sichtbarkeit erhalten und nichts verdienen. Ohne Werbung, ohne Verlag? Ohne Bestseller-Aufkleber...? Nada!


Es ist wie ein Lotto-Spiel. Und darüber wird kaum gesprochen. "Man" kennt nur die Angesagten. Nicht nur die Schreibenden, sondern auch einige Generationen an LeserInnen werden bei diesem Hype vergessen. Manga und "spicy Romance" dominieren den Markt.


Als ich an meinem Stand auf der Leipziger Buchmesse 2023 stand, vertraute mir ein Vater an, dass seine Tochter (sie stand gerade für ein Autogramm gegenüber an), sich das Buch "eh nur ins Regal stellen wollte- für ein gutes Foto auf Instagram". Sie wollte es gar nicht lesen, sondern nur gut dekorieren. Dabei dachte ich an eine Handtasche. Es war sonderbar.


Er ließ sich eins meiner Bücher signieren. Und ich wusste, dass er kein Foto von seinem Regal machen würde, was für mich in Ordnung war, mehr noch: ein Kompliment! - Lieber wollte ich, dass meine Geschichte Bilder in seinem Kopf hinterlässt. Sie würde kein Handtaschen-Instagram-Cover sein. - Danach sagte er mir noch, dass er das Gespräch nett fand und hoffte, bald mal zum Lesen zu kommen. Denn er hätte nicht viel Zeit.


A propos Zeit: Meinen "Stundenlohn" kann ich nicht einmal ausrechnen. Und dennoch mache ich weiter, schreibe weiter. Warum?


Weil ich nicht anders kann. Zu schreiben ist meine Leidenschaft und meine Berufung. Dabei geht es mir beim Prozess des Schreibens überhaupt nicht um Ruhm und Geld, sondern einzig und allein darum, alles aus meinen Fingern fließen zu lassen, was meine Romanfiguren mir diktieren. Beim Schreiben bin ich bevölkert von ihnen. Das ist sehr wohltuend und inspirierend.


Manchmal sehe ich mir dann selbst beim Schreiben zu oder nur dem Text, der auf meinem Bildschirm entsteht, während ich in Gedanken all das durchfliege, was ich schreibe. Dabei lebe und durchlebe ich das alles.


Und dann ist es so wundervoll und berauschend, auf den Knopf zum Veröffentlichen zu drücken. Ich habe das Gefühl, eine ganze Welt explodiert da draußen.


Einen Tag später frage ich mich, ob ich Werbung schalten sollte. So machen das alle. Oder viele, die ich kenne. Ich möchte keine Werbung schalten. Ich möchte, dass meine Romane ihren eigenen Weg zu ihren LeserInnen finden. Es ist, als hätte ich ein Kind geboren, das ich gern allein laufen lassen will. Wie ein Reh, das hinuntersieht und das Kitz nur anstupst, um zu überprüfen, ob es aufstehen kann.


Meine Romane sind alle von allein aufgestanden. Es ist mir egal, wie perfekt sie sind. Denn ich weiß, dass sie aus Liebe entstanden sind. Und aus Leidenschaft. In diesem Moment denke ich auch gar nicht an Geld, an den Buchhandel oder an Ruhm (ist der gut?).


Was ich mir dann doch auf einmal - zwischen dem Schreiben in einem Moment wünsche-, ist ein Bestseller (also doch!?). Und vermutlich werde ich dann eines Tages sagen: "Hey, ich bin auf Platz 1 auf der Spiegel-Bestsellerliste!" Vermutlich werde ich dann diesen Blogtext verleugnen. Vermutlich werde ich dann nach Konzept schreiben (nein, das geht gar nicht, das werde ich nie!), aber ich werde eine Timeline haben, einen Verlag und auf einmal einen Beruf mit einem sehr guten Stundenlohn. Einem, den ich ausrechnen könnte.


In kaum einem anderen Beruf ist die Spanne so gigantisch. Als SchriftstellerIn verdienst du entweder Millionen oder 1-2 Cents. Das Bild, das die Öffentlichkeit von einem Autoren, einer Autorin, hat, ist antiquiert.


Fährst du zu einer Buchmesse, so siehst du, was dort wirklich passiert: Da stehen junge Frauen vor silbrig glitzernden Covern, da stehen andere junge Frauen Schlange für ein Autogramm, da geht es um Romane - "Romance mit Spice". - Das nannte man früher wohl "Groschenhefte". - Männer sieht man da nicht. Die haben Bilder. Frauen brauchen wohl Texte.


Ja, ich bin auch eine Frau und brauche Texte. Aber die, die ich selbst schreibe. Geboren 1972, komme ich eben wirklich aus einer ganz anderen Zeit. In meiner Jugend waren Autoren und Autorinnen (wohl wirklich in dieser Reihenfolge) noch etwas ganz Besonderes. Das waren nahezu unantastbare Personen, die Texte und Geschichten geschrieben haben, die wir im Unterricht behandelt haben: Goethe, Schiller, Büchner, Max Frisch, Günter Grass, Hermann Hesse, Siegfried Lenz, Heinrich Böll, Paul Celan, Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger...


Mir persönlich waren Astrid Lindgren und "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint Exupéry immer besonders lieb.


Irgendwo ist Saint Exupéry gelandet. Irgendwann. Aber ganz sicher ist er in mir gelandet mit diesem Satz:


„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ 


So vergesse ich all die verlorenen Zeilen über einen Stundenlohn, gieße meine Rose, pflege meinen Planeten, putze die Sterne und sehe zum Mond.



Bente Amlandt

13.05.2026








Alle Zeichnungen dieses Blogs stammen von mir.

Bei vielen handelt es sich um Illustrationen, die ich während des Schreibens meiner "Rodiwana"-Saga angefertigt habe. Dies ist der magische Mondnuss-Strauch.




Kommentare


bottom of page