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Antiker Stuhl

vor 3 Tagen
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Gedicht 


Wer hat schon auf diesem Stuhl gesessen

Hast du dich das jemals gefragt?

Wer hat hier schon das Brot des Lebens gegessen

Wer hat hier schon gelitten und versagt

Wer hat hier schon geliebt und verführt

Wer hat diesen Stuhl berührt?

 

Du sitzt auf ihm, auf altem Leben

ein schöner Stuhl, antik

der hier ist, um zu geben

doch ist es nicht verrückt…

 

Er kennt andere, weit mehr als du

du sitzt auf ihm und er hört dir zu –

Er ist einfach nur antik und alt

 

Doch dann kommt die Zeit

und du hörst ihm zu -

Er war zu allem bereit

und er erzählt dir seine Zeit


Von jauchzenden Matrosen

von verlassenen Frauen

von Briefen in Hosen

und dem Wunsch zu vertrauen


Er erzählt von der Brandung

und seiner beinharten Landung

er spricht mit dir durch sein Holz

du sitzt auf ihm, ganz stolz


Doch dann stehst du auf

Und bald, schon bald

wirst du ihn verstehen:

 

Die Wege des Lebens scheinen

So viel krümmer zu gehen

so seltsamer

als eines seiner vier Beine


Er spricht:


Des Lebens Lauf ist wild

und wirr und außer Frage -

Ich laufe in Träumen nur

und stehe auf vier Beinen am Tage


Sobald er endet und die Sonne verschwindet

bin ich der, an den sich niemand bindet

denn ich bin weder Haus noch Land

ich werde besessen - und doch verkannt!


Sehe euch nur von hinten an

halte euch fest und spüre dann

wie eins meiner Beine wackelt

weil jemand auf mir zappelt


Ich könnte dir Geschichten erzählen

auch von dem, was ich sonst so sah

von längst vergessenen Zeiten -

von Mädchen mit schönem Haar

von Räumen, Träumen und Pleiten


Von Ehen, Kindern und Enkeln

von Weihnachten und Geschenken

oder auch von Kunst und Kultur -

Doch als ein Stuhl schweige ich nur


Ich bin die Erinnerung, die träumt

Meine Freunde blieben in den Wellen

Nun ist niemand mehr da, der räumt

Niemand, da, um mich umzustellen


Ich mache Platz für schnelle Masse

gekauft in Märkten am laufenden Band

Ach, wie ich das doch hasse

Ich wurde einst gemacht aus Tischlerhand!


Während ich so sitze und ihm lausche

strömen Wellen auf mich ein

Der Wind, der Stuhl und das Gerausche

lassen mich melancholisch sein


Ich frage ihn: "Kommst du mit?" - gewitzt -

zu mir? Brauchst du einen Tisch

jemanden, der dich besitzt

oder bleibst du lieber hier?


Der Stuhl ächzt nun ganz leise:

Nein, ich bin mit der See verbunden

lebte auf Schiffen schon und im Eise

Ich mach es nun auf meine Weise:


Werde hier stehen, bis die Flut mich nimmt

werde langsam gehen ins Riff

Und wenn der Mond ganz oben glimmt

bin ich zurück auf meinem Schiff


Ich nicke und schweige, sehe:

Was für ein weiser Stuhl und Poet!

Dann stehe ich auf und gehe

denn zum Sitzen ist es jetzt zu spät


Während er sich mutig nun der Ostsee stellt

streife ich durch Algen und stolper über Steine

sehe, wie sich die Sonne aus den Wolken schält

Dort hinter den Schleiern wie zum Scheine

entdecke ich sein Schiff, das am Horizont fehlt


T. G. Weinreich, 16.09.2026


Persönliche Anmerkung:

Der Stuhl war hier wohl federführend. Denn ich wollte ein schönes Gedicht schreiben, eins voller Tiefe und Freude, voller Gedanken und guter Erinnerungen. Doch er schien traurig zu sein. Sehr traurig.

Nun ändere ich es nicht mehr. Manche Gedichte wollen sich selbst schreiben.

Vier Beine gehen wohl weiter als zwei.

 




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