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Wenn Eschen in Gedanken wandern

  • 9. Aug.
  • 3 Min. Lesezeit

Ein Juli-Gedicht, 2026



 

Wenn Eschen in Gedanken wandern

 

Die Eschen erzählen mir Geschichten

Mit tausend Blättern im Wind

Kapitel voller Äste

Blatt für Blatt

Vibrieren, schimmern, leuchten sie

Mir – dem Menschenkind zu –

Mal auf und ab, mal ja und nein,

mal hin und her, alles in einem –

Die Bäume sehen mich an:

Sie nehmen Notiz von mir -

Auf einem Blatt dort, einem Ast hier

Sie winken und verstehen mich

Ich schweige still und sehe Licht

Atme Wind und spüre Rauschen

Fühle: Sie sind hier, um zu lauschen

Und sie verstehen mich, fühlen mein Glück,

lassen die Vögel singen und geben tausend Melodien zurück

 

Wenn sie könnten, dann würden sie die Welt erkunden,

all die Bäume, die um mich stehen,

wenn sie könnten, dann würden sie der Südsee lauschen,

und hätten tausend Pinguine in ihrem Blick,

wenn sie könnten, dann würden sie gehen:

Schritt für Schritt

von einem Horizont zum anderen,

und sie nähmen andere Bäume mit.

 

Wenn sie könnten, dann würden sie wandern,

doch sie streuen nur weit aus ihre Spreu,

ihre Samen, von einem zum anderen

und fern im Unterholz – da werden sie neu

 

Denn sie sind Familie, immerdar,

sie wachsen weiter und sie spüren es:

Sie können stehen, während Generationen entstehen,

sie brauchen keine Füße und keine Schuhe,

sie sind des Waldbodens wahre Schatztruhe

und wurzelfest beim Werden und Stehen

nimmt nur der Wind ihre Krone mit

beim Tanzen durch meine Gedanken

sehe ich sie stehen –

Nur die Äste wanken

Ich verstehe und spüre sie

Baum für Baum

von Blatt zu Blatt,

von Seite zu Seite -

so unbeschrieben grün und frei!

 

So tausendfach gebunden an den Stamm

so leicht im Wind, so flattern sie und tanzen

und nehmen mir auf einen Schlag

meinen tausend Seiten schweren Ranzen

ein wehender Garten-Bäume-Tag

beginnt in mir etwas zu pflanzen:

den Gedanken: Loszulassen

vom Menschlichen und dem Immerfassen,

vom Verstehenwollen und Ergründen-

hin zum Schweben und Empfinden

vom Interpretieren und Wissenwollen

hin zu den Tieren und dem Immervollen:

der Natur

die ohne Worte ist

die mit Melodien lebt,

die wir nicht annähernd hören,

die um mich schwebt,

wenn sie keine Menschen stören,

die da ist zu hundert Prozent,

die tausend Antworten hat,

auf eine Frage, die brennt:

Was bedeutet Glück?

 

Die tanzende Esche strahlt zurück:

Besinne dich auf die Natur!

Werde eins mit ihr

Und dann warte nur –

Denn dann ist sie in dir.

 

Ihre Blätter schweigen ganz abrupt

Der Hase, die Häsin, hat gezuckt

Sie ist da, ich habe sie gerufen

Nun fängt sie an vor mir zu sitzen

Knabbert an den Halmen und am Gras

Es geht nicht ums Besitzen!

Es geht nicht um irgendwas …

Sie sieht mich an, hat Augen wie Planeten

Keine 20 Zentimeter trennen uns

Es geht nicht um Menschen oder Moneten

Sondern um Sterne, die brennen in uns

Ihre vier Kinder hüpfen durchs Gras

Sie bleibt bei mir

Da war doch was?

 

Hatte ich nicht eben schwere Gedanken?

War nicht eben die Welt am Wanken?

 

Sie knabbert - ganz Feldhase - in voller Pracht

Sie knabbert und bringt es mir bei – ganz sacht:

Das Leben ist Genießen – das LEBEN ist die Antwort

Also - warum fragst du dich immer fort?

Sei hier, auf deinem Acker, sei hier und genieße!

Lass es laufen, werde und sprieße!

 

Was kümmert es eine Esche oder einen Hasen,

was die Welt so macht?

Was kümmert es eine Eiche oder den Rasen,

wenn ein Mensch laut lacht?

Was kümmert es diesen Garten,

wenn du ihn stutzt?

Hat er nicht ältere Rechte,

als die, die du nun nutzt?

 

Heute saß ich stundenlang im Garten

Im Juli, mitten im Wald

Eschen und Hasen haben es mir verraten:

Ich lebe und ich werde alt,

aber jung aus Eschensicht

und spreche der Häsin ins Gesicht

Ich höre sie an und schreibe dieses Gedicht.

 

Liebe Natur, ich wundere und ich verstehe,

liebe Eschen, liebe Häsin, ich lausche und ich bin,

sitze hier und höre auf zu grübeln, denn ich sehe

was für ein kleiner Teil ich von euch bin.

 

17.07.2026

Telse Gunhild Weinreich




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