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Isobald zieht weiter

  • 31. Juli 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Ich höre Rodiwanas Dichter zu, Leinen los!

Zitat meines nordischen Schriftstellers aus der "Rodiwana"-Saga


Isobald Eismann


Wie viele Menschen sah ich auf dem Markt! Wie viele Walfänger und Unlivaster, die mit müden Gesichtern an mir vorübergingen nach den Auktionen am Hafen und nach ihren vielen Tagen auf See? Ich weiß es nicht zu sagen. Ich weiß nur, dass diese Hafenstadt sich verändert hat. Neue Häuser entstehen, neue Menschen ziehen her. Unlivast, du Schöne, hast du die Stille nicht satt?


Die Stille all derer, die nicht mehr nachts in die Spelunken ziehen? Das Schweigen der Menschen, die sich nicht mehr mit dem Walfang rühmen, einander nicht mehr düstere Geschichten über den Dschungel erzählen und die einfach nur am Kamin sitzen, um zu ruhen. Zu ruhen wie die Straßen ohne Kobolde und Feen.


Die Mythen sind verweht, von Stürmen weit übers Meer in die Ferne getrieben worden. Wenn ich jetzt am Hafen sitze, dann suche ich den Horizont ab. Aureus geht unter und weist mir den Weg. Irgendwo, auf der anderen Seite, da sind sie: die wunderschöne Orileja, die Waldelfen des Eiswalds und die guten Dschungelforscher. Aureus hab sie selig!


Doch hier, zwischen den Algen, den Steinen und all jenen, die es doch nur „gut meinen“, da schwelt Merankas Fluch, da zählt nur das Silber im Buch. Unlivast, du einst schöne und zu mir sprechende Hafenstadt, hast du sie nicht satt: Die Stille all jener, die nicht einmal den Mund zum Grußwort formen? Die Schwere derer, die sich nicht dem Stadtherrn zur Wehr setzen? Sie lässt alle Schatten auf den Straßen kürzer werden.


Niemand verlässt mehr sein Haus, wenn er noch genug zu trinken hat. Niemand verlässt mehr seine gute Stube, wenn er befürchten müsste, ihren Ruf zu verlieren.


Das Unlivast, wie ich es als junger Mann kannte, war wild, unerzogen und frei. Hier hing der Waltrangeruch zwischen den Wäscheleinen, hier zogen die derben Winde der Piratensprüche durchs Land, hier moderte und loderte es in jeder Gasse. Die Steine bebten und das Meer war mitunter nichts als eine lose Windhose dagegen. Jetzt aber ist selbst das ruhigste Meer an dieser Hafenstadt mit seinen beschaulichen Wellen aufregender als alles, was menschengemacht aus Fenstern oder Türen dringen könnte.


Ich ziehe meine Läden zu. Denke an alle, die ich sah. Und schließe heute Nacht das Kapitel „Unlivast“ mit einer Feder, die gerade kaum noch Tinte hält. Es wird Zeit. Ich habe mir ein neues Zuhause bestellt.



23.07.2025 B. A. / T. G. W.

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