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Es ist, als stünde mein Buch nackt mit ausgebreiteten Armen auf dem Marktplatz

Aktualisiert: 17. Dez. 2023

So fühlt sich Lovelybooks an



Es ist, als stünde mein Buch nackt mit ausgebreiteten Armen auf dem Marktplatz und wartete darauf, erschossen oder von einem der vielen Pfeile der Schaulustigen durchbohrt zu werden. Und doch hat bis jetzt jeder meiner Romane diese Prozedur überlebt, besser noch: er wurde manchmal sogar stürmisch umarmt, durfte ein paar Stufen hinauf- oder hinabsteigen, um sich große, gute Reden anzuhören oder kürzere Grußworte und Beschreibungen, die er selbst als wunderbar wertschätzend, ungewöhnlich, zutreffend oder nicht ganz zutreffend und vielleicht sogar als unzutreffend, weil nicht gelesen und daher fehl am Platze und verletzend empfunden hat. Und so stehe ich in der Ferne am Fenster, schaue hinüber zu meinem nächsten Roman da hinten auf dem Marktplatz und rufe ihm zu: „Halte durch! Habe Mut! Stell dich!“ Und stehe unversehens neben meinem Buch, muss aufpassen, dass ich mich nicht zu seinem Anwalt aufspiele oder mit den Kritikern gemeinsame Sache mache und mich an einem schlechten Tag gar zu selbstzerfleischenden Äußerungen hinreißen lasse. Das Buch ist das Buch, der Roman ist die Welt, die er so und nicht anders in sich zusammenhält. Was und wie jeder andere dieses oder jenes geschrieben hätte, ist interessant, es ändert aber nichts an dem Buch, das da fest an seinen Seiten hält, zitternd vor der Menge steht, noch immer stolz seinen Umschlag hebt und von Sternen träumt. Manche Sterne sind teuer erkauft, andere bleiben ganz aus. Mal stehen viele auf dem Marktplatz, mal nur wenige. Einige beginnen zu klatschen, andere fallen mit ein. Manchmal regnet es in Strömen und das nasse Buch wartet vergeblich auf ein Wort. Es bleibt durchnässt da, während andere sich am Ofen wärmen oder sich schlafen legen. Was aber niemand weiß, ist, dass dieses liebe Buch, dieser Roman, nach der Prozedur die Bretter des Forums wieder verlässt und zu seiner geliebten Familie zurückkehrt, in den Schoß der Fließenden, der Liebenden, der Bauchmenschen, zu seinen Freunden, seinen Lieben und Leiden, seinen Fortsetzungen, zu den Utopien, in die mittelalterlichen Städte, in all die fernen Galaxien, und schließlich steht es nur zum Schein noch in meinem Regal, denn es reist oft, besonders nachts, bis zu all den Sternen, die niemand kennt und die niemandem gehören.












Copyright by Bente Amlandt / Lu C. Ohm 2023 - Eine Veröffentlichung und Verbreitung der hier gezeigten Texte ist ohne eine Genehmigung der Autorin nicht gestattet. 2023


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