Die Zwerge des Zeughauses Wismar
- 28. Okt. 2024
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 8. Juni
Zu dieser Geschichte hat mich der Anblick der Decke im Zeughaus inspiriert. Meine Geschichte hat Volker Weinreich dazu inspiriert, folgendes Bild dazu beizusteuern. Herzlichen Dank dafür!

Die Zwerge des Zeughauses Wismar
In dunklen Nächten, wenn der Himmel nur schwach vom Glanz der Sterne erhellt wird, leben in den Schatten der alten Hansestadt Wismar kleine, unerschütterliche Wesen - die Zwerge des Zeughauses. Mit ihren geschickten Händen haben sie schon so manches Wunder vollbracht. Von einem dieser Wunder berichte ich euch nun mit dieser ganz besonderen Geschichte, die sich natürlich genau so – und nur so – zugetragen hat.
Vielleicht hat der eine oder andere von euch schon etwas über die Geschichte dieses Gebäudes gelesen oder davon gehört. Vielleicht weißt du, dass es einst als Waffenlager gedient hat und sogar schon einmal explodiert und wieder neu aufgebaut worden ist. Das sind Fakten, die man nachlesen kann. Was ich dir jetzt erzähle, stammt aus den kleinen Ritzen der riesigen Holzbalken über dir.
Vor vielen, vielen Monden zogen Zwerge aus den Höhlen in den Wäldern nach Wismar. Sie hatten von dem leckeren Bier gehört und von den großartigen Waffenschmieden. Die besten Waffen sollten im Arsenal am Hafen lagern.
Falls du es noch nicht weißt: Zwerge sind die geborenen Schmiede. Sie leben unter der Erde und nutzen die Materialien, die sie dort finden können, um daraus Waffen zu schmieden. Vor allem Äxte, die anderen zeigen sollen, dass sie sich auf keinen Fall mit einem gefährlichen Zwerg einlassen sollten.
So zogen sie nun, allen voran die Anführer, das unschlagbare Paar Berowatt und Arwen, nachts zum Waffenarsenal in Wismar. Als ein großer Mensch, ein Wächter, herauskam, schafften sie es, schnell hinter ihm ins Gebäude einzudringen. Sie sahen sich im Schein der Fackeln um. Unbemerkt von den Soldaten, die hier saßen und Karten spielten, bestaunten die Zwerge die großen Waffen der Menschen. Sie hatten lange schlauchartige Klingen, mit einem Griff. Kugeln konnten durch sie hindurchgeschossen werden. Es war die erste Begegnung eines Wismarer Zwergenvolks mit Schusswaffen.
Der schlaue Filipus flüsterte: „Das sind Gewehre und Pistolen. Arnold Felsengruber hat mir davon erzählt. Damit schießt du auf deine Feinde, ganz ohne sie zu berühren. Und die Kugeln, die da herauskommen, die können einen umbringen."
„Dann fass das bloß nicht an!", wies ihn seine strenge Frau an.
Der Zwergenanführer Berowatt beschloss gemeinsam mit Arwen, mit einer kleinen Gruppe hier einzuziehen, um sich bei den Menschen abzugucken, wie man mit Pistolen und Gewehren umging und nachbauen wollten sie sie später auch.
Berowatt meinte: „Ach, weißt du was, Arwen: Wir sollten unsere ganze große Familie herholen. Denn hier sind wir auch vor Grimmbart sicher."
Arwen, die stets bei der Erwähnung des Namens des schrecklichen Riesen Grimmbart zusammenzuckte, war damit einverstanden.
So liefen sie zurück, sobald ein Soldat erneut nach draußen trat und holten nach und nach geschickt und von den Menschen unbemerkt die einhundert Zwerge ihres Volkes, das sie Familie nannten, ins Waffenarsenal.
Sie machten es sich hinter den Kisten bequem, tranken aus den riesigen Bierkrügen der Wächter, wobei sie aufpassen mussten, nicht hineinzufallen und ernährten sich von den Essensresten der Menschen, wenn sie nicht mal eine Maus oder eine Ratte erlegten. Das gab dann einen leckeren Festbraten, der sie tagelang gut sättigte.
Auf einmal machte es die Runde: Es wurden immer mehr Bäume gefällt und die Wälder rund um Wismar abgeholzt. Der Riese Grimmbart würde bald keinen Unterschlupf mehr finden und auch in die Stadt kommen. Ein Zwerg, der als Heiler unterwegs war und der sich „Apotok" nannte, warnte Berowatt und die schöne Arwen vor einem Angriff.
„Was sollen wir tun?", fragte Berowatt die Wahrsagerin Weissalles.
Aber Willa Weissalles wusste auf einmal nichts. Sie zuckte mit den Schultern. Dann zeigte sie auf die vielen Waffen und zischte aus ihrem zahnlosen Mund: „Schusswaffen sind genug da."
Arwen nickte. Da hatte sie recht. Wozu sollten sie sich vor einem Riesen fürchten, wenn sie doch in der größtmöglichen Festung und Waffenkammer lebten, in der ein Zwergenvolk überhaupt nur leben konnte?
Die folgende Nacht war stürmisch, der Wind heulte wie ein verwundetes Tier. In der engen Gasse, zwischen verfallenen Karren und alten Zinnen, braute sich Unheil zusammen. Die Zwerge, die sich in der Waffenkammer verschanzt hatten, vernahmen ängstlich das unheilvolle Donnern, das Grimmbarts Ankunft ankündigte. Im Schein der Fackeln wurden ihre Schatten größer, sodass sie wie eine dunkles Heer wirkten.
Nicht zum ersten Mal diskutierten sie miteinander, dass kaum einer von ihnen es schaffte, eine Pistole zu bedienen. Dazu bräuchten sie mindestens vier Zwerge und geübt hatten sie es auch noch nie, weil stets einer der Wächter in den Gängen saß und es das Ende ihres Leben im sicheren Arsenal bedeutet hätte.
„Er kommt!“, rief Arwen vom Fenster aus. „Versteckt die Waffen! Er wird sie alle stehlen! Wir müssen es den Menschen sagen.“
„Niemals!", erwiderte Berowatt. Er wollte lieber gegen einen Riesen antreten, als sich mit bewaffneten Menschen anzulegen.
„Es ist nicht der Riese, der uns quält, es ist die Furcht!“, brüllte Berowatt, während sein mächtiger Bart wackelte. „Wir haben unsere Hämmer und Äxte! Habt ihr das schon vergessen? Wir sind ein tapferes Zwergenvolk und wir können kämpfen. Das haben wir mehr als einmal bewiesen.“
Die großen Menschen eilten nach draußen. Ein Gebäude am Hafen brannte und ein Turm war eingestürzt. Sie schlossen das Arsenal ab und flohen. Ein jeder wollte nun sich und seine Familie in Sicherheit bringen.
So war kein Mensch da, als der Riese eintraf.
Grimmbart trat mit nur einem einzigen Schritt sowohl die Tür als auch die gesamte Front des Arsenals ein. Dabei schwang er je einen gigantischen Holzhammer in seinen Händen.
Hinter ihm zerriss ein Blitz den Himmel und das Donnern und Bersten anderer Häuser war so laut, dass manche Zwerge sich die Hände auf die Ohren drückten, einige steckte sich sogar ihre Bartspitzen hinein, was nicht viel half.
Sie konnten jedoch nicht wegsehen: der schon so lange gefürchtete Riese stand jetzt vor ihnen. Als Berowatt zum Angriff rief, stürzten sich die Zwerge auf den Eindringling. Eine Kolonne schwerer Hämmer und blitzender Äxte donnerte auf Grimmbart herab.
Dieser brüllte: „Ich will das Eisen! Ich will die Macht!“ Wobei seine Stimme klang wie der Donner selbst.
Die Zwerge, von seiner Drohung nicht eingeschüchtert, waren bereit.
„Zeigt ihm, wer hier der Herr ist!“, rief Berowatt und schwang seine Axt mit solcher Kraft, dass sich die Luft um ihn herum krümmte.
„Hier ist das Eisen!“, zischte Arwen und schlug ebenfalls mit ihrer Axt auf den Riesen ein.
Mit unglaublicher Geschicklichkeit sprangen die Zwerge um den Riesen herum. Grimmbart, wütend über die Überzahl seiner Gegner, schlug in seiner Verzweiflung nach ihnen, doch jeder Schlag ging ins Leere.
Schließlich taumelte er und fiel mit einem ohrenbetäubenden Krachen zu Boden. Die Erde bebte, und mit der Erschütterung stürzte das alte Zeughaus in sich zusammen.
Als nun auch noch eine Fackel auf die Pulverfässer fiel, kam es zu einer gewaltigen Explosion, die alle Zwerge durch die Luft wirbelte und den Riesen unter den einstürzenden Mauern begrub.
Nach dem Knall, der die Nacht in gleißendes Licht getaucht hatte, lagen die Trümmer des Arsenals verstreut. Grimmbart versank im Staub. Und wie durch ein Wunder hatten alle Zwerge überlebt.
„Wir haben gesiegt!“, rief Arwen, die stolz mit ihrer Axt hervortrat.
Danach begannen die Zwerge, die Trümmer wieder aufzubauen. Sie halfen den Menschen aus den Gliedern des Riesen, der sich in einen großen Holzhaufen verwandelt hatte, ein neues Gebäude zu bauen. Mit den Hämmern, die er in den Händen gehalten hatte, stützten sie die neue Decke des Arsenals ab.
Sieh nach oben! Kannst du die großen Holzhämmer des Riesen erkennen?

Und wie die Zwerge es schafften, die Waffen des Zeughauses später gegen Bücher einzutauschen, das erfährst du in einer anderen Geschichte.
Bente Amlandt, geschrieben am 27.10.2024
Kommentare