top of page

3. Der Fremde - Teil 2

Aktualisiert: 10. Apr.

Hartwig trifft den Fremden in der Lérock-Klinik in Ostink



Im hell erleuchteten Vorraum der Notaufnahme wurde Hartwig, eine imposante Gestalt, deren Anblick normalerweise Aufmerksamkeit erregte, höflich, aber bestimmt in den Warteraum gebeten. Dort, zwischen den sterilen weißen Wänden und all den anderen Wartenden, nutzte er die unfreiwillige Pause, um noch einmal aufzustehen und zum Ende des Ganges zu gehen. Er wollte seine Frau Charlotte im hintersten Krankenzimmer besuchen. Dort hinten, dachte er, da lagen die Malutkranken wie Aussätzige, die es nicht geben sollte und durfte. An allen Zimmern hingen Schilder, hier hinten stand nur »Betreten verboten«. Und wie Hartwig es geahnt hatte, musste er sich nun vor einer jungen Schwesternschülerin ausweisen. Die ältere Schwester erkannte ihn und winkte ihn durch. Dann konnte sie es sich nicht verkneifen, die Jüngere zu ermahnen: »Aber das ist doch Hartwig. Der muss zu seiner Frau.« Leise schob er die Tür auf und sah Charlotte in ihrem Einzelzimmer friedlich schlafen. Sie hatte hier sogar mehr Platz als zu Hause. Es war ein Bild der Ruhe. Ein Lächeln huschte über Hartwigs Gesicht, als er sah, dass sie ihr Mittagessen aufgegessen hatte. Wie gut! Das war ein untrügliches Zeichen dafür, dass es ihr bald wieder besser gehen würde. Nachdem er die Tür leise wieder hinter sich geschlossen hatte, kehrte er zur Rezeption zurück, wo er sich nach Ludwig Helm und dem kürzlich eingetroffenen Schiffbrüchigen erkundigte.

Gezwungenermaßen reihte er sich wieder in die Warteschlange ein, bis ihm die Arzthelferin nähere Auskunft erteilen konnte.

Plötzlich erschien Dr. Clariggs auf dem Gang. Hartwig spürte, wie Unmut in ihm aufstieg, und so konzentrierte er sich schnell auf eine Informationsbroschüre, als wäre sie das faszinierendste Objekt ganz Rodiwanas, in der Hoffnung, dem Arzt ausweichen zu können. Doch der hatte andere Pläne und trat direkt neben Hartwig. Seine laute Stimme hallte durch den Raum und sorgte für ein kollektives Zusammenzucken an der Rezeption.

»Herr Hartwig, wir treffen uns sowieso! Kommen Sie mit, ich muss mit Ihnen sprechen!« Widerwillig und innerlich fluchend folgte Hartwig dem deutlich kleineren Arzt, dem er bei der letzten Begegnung einen rechten Haken verpasst hatte, in sein Büro. Direkt vor der Tür blieb er stehen, entschlossen, der Aufforderung, sich zu setzen, nicht nachzukommen. »Nun lassen Sie uns offen reden«, begann Dr. Clariggs ohne Umschweife, »es gibt einige Dinge zwischen uns, die dringend geklärt werden müssen.« »So?«, entgegnete Hartwig, »Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass meine Frau ab heute von Frau Blinkdahl behandelt wird.« »Das ist richtig«, erwiderte Dr. Clariggs. Er zog eine Schublade auf und holte einige Unterlagen hervor.  »Hier, sehen Sie sich das an!« Er reichte Hartwig die Papiere. Dieser setzte sich, immer noch angespannt, auf die Vorderkante des angebotenen Stuhls und war neugierig, was der Arzt ihm entgegen-streckte. Es waren Rechnungen. »Aber die hat die Fjordt-Firma bezahlt, Lando Fjordt. Er hat Charlottes Behandlung übernommen!«

»Lesen Sie genauer!«, drängte Dr. Clariggs mit ernstem Unterton. Hartwig begriff, dass es um die Behandlung des Nasenbeinbruchs ging, den der Arzt erlitten hatte, und seine Kehle wurde trocken. Weitere Listen enthielten Termine und Medikamentennamen.  

»Ich verstehe nicht ganz«, sagte er, obwohl er eine Ahnung hatte, was das zu bedeuten hatte.

»Nun, ihre Schwägerin Ulla Werron hat die hier aufgelisteten Medikamente monatlich, später fast wöchentlich aus unserem Lager entwendet - gestohlen, um genau zu sein. Ich habe sie bereits entlassen. Wenn ich Sie und Frau Werron anzeigen würde, dann käme auf Sie eine wesentlich höhere Summe zu, von einer möglichen Gefängnisstrafe für Sie ganz zu schweigen« Hartwig erwiderte aggressiv: »Sie wissen doch, dass wir kaum etwas haben. Wir leben in der Süd-bucht. Was wollen Sie von mir?«

Dr. Clariggs lehnte sich entspannt zurück.

»Vielleicht können wir uns einig werden. Ich habe kürzlich ein hübsches Kuppelhaus am Klippenweg gekauft. Ihre Schwägerin könnte dort bis zum Winter ihre Schulden abarbeiten. Ich brauche noch eine Haushaltshilfe. Die Adresse ist Klippenweg 4, und was Sie betrifft, so erwarte ich von Ihnen, dass Sie ein wachsames Auge auf mein neues Eigentum haben.«

Er lächelte verschmitzt. »Übrigens, wer hat Ihr Auge eigentlich so schlampig zugenäht? Das ließe sich doch sicher beheben.«

»Das kann ich mir nicht leisten«, protestierte Hartwig. Seine Verärgerung über das Dilemma, in dem er sich befand, und die Erpressung durch einen der renommiertesten Ärzte der Lerock-Klinik war offensichtlich. »Ich hätte mehr tun sollen, als ihm nur eine Ohrfeige zu geben«, schoss es ihm durch den Kopf. »Ich werde mit Ulla reden «, sagte er dann etwas versöhnlicher.

»Das sollten Sie«, erwiderte Dr. Clariggs mit drohendem Unterton. »Und wenn sie morgen Nachmittag nicht im Klippenweg 4 auftaucht, werde ich mich an Herrn Wulf und seine Leute wenden.«

»Sie wird da sein«, versicherte Hartwig schnell und machte sich auf den Weg zur Tür. Obwohl er stattliche zwei Meter groß war, so fühlte er sich in diesem Moment so klein wie ein Süd-Varaner. »Aber eins noch!«, rief ihm Dr. Clariggs hinterher. Hartwig blieb wie angewurzelt stehen, den Rücken dem Arzt zugewandt. »Der Mann, der gerade eingeliefert worden ist…. Nun, der Rettungsdienst erwartet eine Benachrichtigung von mir. Herr Hartwig, bitte drehen Sie sich um! Können Sie mir sagen, welches Schiff gesunken ist?" Langsam drehte sich Hartwig um, sah den Arzt direkt an und antwortete: »Die Monarch, ein Segelschiff aus Süd-Varan.« »Bei so ruhiger See?«

»Ja, allem Anschein nach ein Materialfehler.«

»Haben die Taucher das Wrack schon geortet?«

Hartwig schüttelte den Kopf. »Die Suche läuft noch auf Hochtouren. Ist das alles, Herr Doktor?«

»Natürlich, das ist alles. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag und freue mich, Sie heute Abend bei Ihrem Kontrollgang bei mir zu sehen!«

Mit einem leisen Knall ließ Hartwig die Tür ins Schloss fallen. In diesem Moment wusste er, dass sein ohnehin schon schwieriges Leben gerade noch ein wenig komplizierter geworden war.

Hartwig ging den Gang entlang, seine Gedanken waren nun gefangen in einer Welt zwischen der harten Realität der Notaufnahme und dem Strudel seiner eigenen inneren Bewegungen. Der stechende Geruch von Desinfektionsmitteln in der Luft vermischte sich mit dem Geräusch eiliger Schritte und flüsternder Stimmen. Er bog um eine Ecke und ließ sich wie in Trance auf einer frei stehenden Bank neben einem Wasserspender nieder, als wolle er der hektischen Atmosphäre entfliehen. Dort verharrte er, den Blick leer auf das rhythmische Tröpfeln des Kondenswassers gerichtet, das langsam den Brunnen hinunter-lief. In dieser Blase der Stille trat Ken Charlston auf ihn zu, den Hartwig seit seiner Kindheit kannte.

»Hallo, Hartwig«, begrüßte ihn Ken mit der vertrau-ten Wärme in der Stimme. »Charlotte ist auf Station drei.«

Instinktiv nickte Hartwig, obwohl seine Gedanken noch nicht ganz im Hier und Jetzt angekommen waren.

»Ich weiß. Ich habe sie schon besucht.«

Es war seltsam, Ken in seinem weißen Arztkittel zu sehen, er wirkte so erwachsen und professionell. Es war ein Anblick, der Hartwig einerseits beeindruckte, andererseits störte es ihn, Ken in dieser steifen Uni-form zu wissen. Doch nun schüttelte Hartwig diesen Gedanken ab und konzentrierte sich auf das Dringlichste. »Wo ist der Mann von der Felseninsel?«

Ein Lächeln umspielte Kens Mundwinkel. »Du hast ihn doch hergebracht, oder? Unglaublich, wie ihr ihm das Leben gerettet habt. Noch ein Tag allein, und er wäre dem Durst erlegen. Komm, ich bringe dich zu ihm.«

Plötzlich war Hartwigs Interesse geweckt; er folgte Ken, während sie gemeinsam durch das Gewirr der Gänge und Ecken des Krankenhauses navigierten. Im Aufzug, der sie zwei Stockwerke nach oben brachte, spiegelte sich ein erwachsener Ausdruck in Kens Augen. In diesem Moment fühlte sich Hartwig alt. In der kantigen Aura der Klinik wirkte er braun und fahl wie ein welkes Blatt. Er blickte in die Spiegelwand gegenüber und erkannte sich nicht wieder. War er das? Der alte Mann mit dem vernarbten Auge, dem langen Zopf, den lichter gewordenen Schläfen und der alten Lederweste von Jasper, der man bereits ansah, wie sie roch? Auf der Klippe fühlte er sich wohl. Wenn er in die Bucht hinunterblickte, musste er nie über sich nachdenken oder sich infrage stellen. Sein Blick fiel auf Ken, der nachdenklich seine Schuhe betrachtete und innerlich wahrscheinlich gerade mehr als einen Patienten behandelte. Seine langen dunklen Wimpern lagen wie gesenkte Halbmonde neben der geraden Nase. Er war schön. Hätte Hartwig eine Tochter gehabt, er hätte sich gewünscht, dass sie Ken geheiratet hätte. Diesen feinen Mann, der aus einfachsten Verhältnissen stammte und weder eitel noch verlogen war, das Gegenteil von Dr. Clariggs. Und was konnte man Böses über jemanden sagen, dessen bester Freund ein Kiemenmann war?

»Er sieht schon mehr wie ein Mensch aus, zumindest wieder halbwegs«, bemerkte Ken. Hartwig war erleichtert, als die Aufzugtüren aufsurrten. Er hasste diese modernen Erfindungen. Warum konnten sie so etwas nicht in Sîlard lassen? Nun, um Charlotte herzu-bringen, war es natürlich hilfreich. Jetzt dachte er an den Geretteten. Natürlich hatte er ihn erkannt. Er hatte ihn schon erkannt, bevor er die Tätowierungen gesehen hatte. Die Augen hatten ihn verraten, den dicken Zumsa.

Nachdem sie sich an einem Automaten die Hände desinfiziert hatten, setzten sie ihren Weg fort. Ken begrüßte die vorbeigehenden Schwestern, Pfleger und Ärzte mit der natürlichen Freundlichkeit, die er sich angewöhnt hatte und die bei jeder Begegnung herzlich erwidert wurde. Hartwig konnte nicht umhin zu bemerken, wie beliebt und geschätzt Ken hier war.

Endlich standen sie vor der Tür, hinter der der gerettete Mann von der Insel lag. Ken klopfte leise an und warf einen vorsichtigen Blick hinein. Dann flüsterte er Hartwig zu: »Geh ruhig hinein. Es dauert nicht mehr lange, dann wacht er auf.«

Auf Zehenspitzen betrat Hartwig das Zimmer. Er war voller Neugier auf die Geschichten, die der schlafende Mann aus der Ferne mitbrachte. Der Gerettete sah schon besser aus. Er war kein wilder Eremit mehr, sondern ein Mann, der nach Klinikseife und Desinfektionsmittel roch. Er sah auch nicht mehr aus wie ein Siebzigjähriger, sondern wie ein Mann, der Mitte Fünfzig war. Jetzt konnte man die Tätowierungen sehen. Vier Punkte am Hals, drei an den Schläfen und ein kleiner Mond am Kinn. Hartwig erkannte Spion, den kleineren der beiden Monde. Es gab keinen Zweifel mehr: Hartwig wusste spätestens jetzt genau, wen er vor sich hatte. Jetzt stand er mit dem Rücken zum Fenster und hatte die Tür im Blick. Eigentlich wollte er fliehen, aber etwas hielt ihn zurück. Nicht Rattkofs Fratze erschien ihm, sondern das Gesicht des dicken Zumsas. Er sah, wie es unter dem Küchentisch und in der Speisekammer vor Lizzy und ihm erschien. Zumsa hatte ihm und Lizzy kleine Speckschwarten, Brot oder auch mal eine Pyllbacko zugesteckt. Der dicke Zumsa wurde seinem Namen nicht mehr ganz gerecht. Er musste mindestens vierzig Kilo abgenommen haben.

Hartwig beugte sich vorsichtig über ihn. Sein Herzschlag beschleunigte sich merklich, aber merkwürdigerweise fehlte jede Spur von Schweiß auf seiner Stirn. Es war nicht der vertraute Strom einer Panikattacke, der durch seine Adern jagte; diesmal fühlte er sich in einer viel sichereren Position. Es lag in seiner Macht, Zumsa, den Koch des Piratenschiffes, zu töten, wenn er es gewollt hätte. Aber er hatte keinen Grund dafür, ihm etwas anzutun - im Gegenteil. Der Koch war immer derjenige gewesen, der ihm die Fesseln von seinem gepeinigten Körper gezogen hatte, der laut-stark gegen die Mondnüsse gewettert hatte, weil sie angeblich den feinen Geschmackssinn der Mannschaft verdarben. Zumsa war ein Mann, der ihm jetzt sehr vertraut und zugleich doch fremd vorkam. Was wusste er schon über ihn? Wie hatte es ihn auf die karge Felseninsel verschlagen und wie hatte er überhaupt überlebt? Hartwig hatte immer geglaubt, dass er der Einzige gewesen war, der die gnadenlose »Spion« bisher überlebt hatte.

Nun zog er einen Stuhl heran und ließ sich vorsichtig neben Zumsa nieder. Es war ihm immer noch ein Rätsel, wie er, Hartwig, der nie auch nur das Wort »Pirat« hatte ertragen können, nun neben einem solchen saß und sich dabei erstaunlich gut, ja fast sogar behaglich fühlte. Aber der Gedanke, dass die gefürchtete »Spion« hier gewesen sein könnte, ließ ihn nicht los. Zweifellos musste Blendo Bottjos die Luxusjacht von Frances Reiss gestohlen haben. Seine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als Zumsa die Augen aufschlug. Sie waren von einem warmen Braun, umrahmt von einem auffälligen grünen Ring um jede Pupille. Hartwig blickte in diese erstaunlich schönen Augen. Jetzt war er kurz davor, Zumsa anzusprechen, doch er hielt inne und schwieg.

Eine Weile studierte nun Zumsa seinerseits Hartwigs Gesicht, bis er sich schließlich räusperte und mit zögernder Stimme fragte: »Kennen wir uns?«

»Ich habe Sie von der Insel gerettet«, antwortete Hartwig schlicht.

»Von der Insel?« Zumsas Gedanken schienen abzuschweifen, bevor er nickte. »Ach so.«

»Ist Ihr Schiff untergegangen?«, fragte Hartwig mutig. Zumsa stammelte eine Antwort: »Nein, ich, ... ich habe es verlassen.«

Er war wahrlich kein guter Lügner, dachte Hartwig. Zumsa erkannte ihn anscheinend nicht. Wie auch? Er war ein Kind gewesen, als er mit Lizzy geflohen war. Und der Schiffskoch konnte bestimmt auch nicht erkennen, dass aus dem kleinen »Wulu«, dem Jungen von damals, inzwischen ein Mann geworden war. Einer mit einem von einer Narbe entstellten Gesicht. Und auch an dieser Narbe war Rattkof schuld. Wie sollte Zumsa ihn auch erkennen?

»Sind Sie von der Küstenwache?« Zumsas Stimme zitterte, während er auf Hartwigs vernarbtes Auge starrte.

»Nein, ich bin Klippenwächter.« Hartwig spürte, wie der Blick des Geretteten kurz seine Kiemen streifte. »Klippenwächter? Die halten an Land Ausschau, oder?«

»Genau. Sagen Sie, wird Ihre Crew Sie nicht vermissen und suchen?«, erwiderte Hartwig geschickt.

In dem Moment huschte plötzlich ein Hauch von Leben über Zumsas Gesicht. »Nein«, sagte er auffallend bestimmt und richtete sich in seinem Bett auf. »Nein?« Hartwig wiederholte die Worte. Er konnte nicht einschätzen, ob Zumsa den Verstand verloren hatte, ob er sich an nichts mehr erinnerte oder ganz genau Bescheid wusste und nun ein Spiel mit ihm spielte. Er hakte nach: »Wie heißen Sie?«

»Ich bin Zu... Zu...«, begann Zumsa, kam aber nicht weiter. Verloren sah er Hartwig an.

»Du bist zurück«, sagte Hartwig intuitiv. »Zurück aus Süd-Varan, nicht wahr? Auf einem Schiff namens 'Monarch', das gesunken ist.«

Zumsas Augen weiteten sich überrascht. Schnell sprach Hartwig weiter: »Als Klippenwächter muss ich das wissen. Du warst der Einzige deiner Mannschaft, der sich auf die Felseninsel vor Ostink retten konnte. Und keine Sorge, die Rettung Schiffbrüchiger wird deine Behandlung finanzieren. Dein Schiff, die Monarch, ist letzte Nacht gesunken.«

»Die Monarch ist gesunken«, wiederholte Zumsa langsam, als würde er jede Silbe sorgfältig verinnerlichen. Er schien zu überlegen, warum der Fremde ihn plötzlich duzte und ob er ihn nicht doch kannte. Immer wieder musterte er Hartwigs vernarbtes Auge und auf einmal blitzte es in seinen Augen. In diesem Moment wusste er offensichtlich, wen er vor sich hatte. Es folgten ein Nicken und ein zögerndes Lächeln.

»Und dein Name ist Paul ..., Paul Kerrok«, schloss Hartwig, überrascht von seinem eigenen Einfallsreichtum, so schnell einen glaubwürdigen Süd-Varaner Namen hervorgebracht zu haben.

Zumsa trank einen Schluck Wasser. Er schien seine wirren Gedanken zu ordnen. Dann flüsterte er: »Paul Kerrok«. Er sah Hartwig wieder an und nickte. »Ein guter Name.«

»Ich organisiere dir eine Bleibe, wenn du hier raus-kommst. Vielleicht kannst du auch bei uns wohnen. Ich muss das mit meiner Frau besprechen«, teilte ihm Hartwig mit. Ihm war nicht danach, etwas zu erklären, über seine Flucht oder gar alte Zeiten an Bord der »Spion« zu sprechen. Er wollte gerade aufstehen und gehen, als Zumsa ihn am Arm festhielt und ihn fragte:

»Und? Wie heißt du nun?«

Hartwig erwiderte seinen Blick ein wenig irritiert.

»Sag schon, wie heißt du nun, Wulu?«

In diesem Moment schoss die Hitze durch Hartwigs Körper und alle Poren öffneten sich. Er wollte rennen, doch er erstarrte. Mit plötzlich hochrotem Kopf starrte er Zumsa an. Dieser klopfte mit der Hand auf sein Bett.

»Setz dich zu mir. Schön, dass du lebst. Ich habe so oft an dich gedacht. Ich habe gewusst, dass du es schaffst, …, dass du es geschafft hast, bis zur Küste.«

Als der Schiffskoch jetzt schief grinste, bekam Hartwig eine Gänsehaut. Dann nahm er all seinen Mut zusammen und setzte sich zu Zumsa. Anschließend erwiderte er den Händedruck der dicken Pranke, die ihm einst Nahrung gegeben hatte und sagte leise:

»Nenn mich nie wieder so! Wenn du willst, dass ich dir helfe, dann nenn mich nie wieder so.«

Er holte tief Luft und sagte: »Mein Name ist Hartwig.« Und obwohl es überzeugend geklungen hatte, so klang der Name auf einmal fremd in seinen eigenen Ohren. Er kam ihm eher wie eine Frage vor, wie ein Versuch und ein Etikett, das den »Wulu« von damals überdeckte. Aber ein Teil dieses Jungen war plötzlich in diesem Raum.

Der Besuch dauerte wesentlich länger als vorgesehen. Hartwig nannte Zumsa alias Paul seinen Namen und sagte ihm, dass er ihn eigenhändig ertränken würde, falls ihm jemals etwas über die »Spion« und ihre gemeinsame Vergangenheit über die Lippen kommen würde. Zumsa war einverstanden. Er würde schweigen wie eine versteinerte Muschel. Sie kamen darin überein, dass er bei Charlotte, ihm und seinen Söhnen wohnen könnte.

Ganz ohne Hartwigs Ermahnungen wollte Zumsa sofort die Küche übernehmen und Hartwigs Familie in Zukunft mit seinen vorzüglichen und improvisierten Gerichten versorgen.

»Du heißt ab jetzt Paul!«, schärfte ihm Hartwig ein.

»Paul, der Mann von der ‚Monarch‘, der Gerettete von der Felseninsel!«, bestätigte ihm Zumsa. Dann seufzte er. Anschließend holte er tief Luft, um noch etwas zu sagen, doch in diesem Moment sagte Hartwig: »Nein, tu es nicht! Sprich nicht mit mir darüber. Ich will nicht wissen, was du erlebt hast! Vielleicht eines Tages, aber nicht heute!« Er ging zur Tür und zögerte, weil er seinen Entschluss doch kurz bereute.

Zumsa meinte auf einmal: »Den Monden sei Dank, dass du noch am Leben bist, Wulu!», raunte er.

»Nie wieder diesen Namen!«, wiederholte Hartwig.

Zumsa legte seine Hand an die Stirn und sagte: »Zu Befehl!« Er lachte und meinte ganz glücklich: »Einem Lebensretter beißt man nicht in die Hand. Verlass dich drauf!«



Copyright 2024 - Bente Amlandt 19.03.2024 / überarbeitet am 10.04.2024


Comments


bottom of page