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1. An Orilejas schönem Saum

Aktualisiert: 18. Apr.

Einstieg- Beginn des Romans




Fliegt hier Lissje durch die Zeit?

Was mag Ottmar Silbring gesagt haben, als er das erste Mal vor der grünen Wand saß, die der Dschungel ist? Woran hat Arlando Fjordt gedacht, während Tabea Montu ihr Messer für Lianen schliff? Und was ging im Kopf eines Hannok Ringeisen vor, nachdem er seinen Kapitän aus den Fluten gerettet hatte? … Wir werden es nie erfahren. Doch das Meer vor uns und der Dschungel hinter uns, sie wissen Bescheid. Sie kennen alle Geschichten. Die Geschichten der Gestrandeten und die der Gebliebenen. Sie kennen auch ihre Träume und Sehnsüchte. … Siehst du, dort oben hängen ein paar von ihnen in den Himmelsfrüchten, gleich neben dem Pyllbackobaum! Und da hinten am Horizont, Wange an Wange mit der Tanzenden Meerjungfrau, da liegt ein Gedanke Arlandos. Er vibriert wie eine glitzernde Welle auf dem Wasser. Wenn du ganz genau hinhörst, dann kannst du ihn hören. Und? Was flüstert er?

Einleitung zum „Ostinker Buch“ von Raiko Olafsur




Die Ruhe vor dem Sturm

An Orilejas schönem Saum

Wenn Orileja in der untergehenden Sonne ein letztes Mal am Tag ihr weites Meerjungfrauenkleid am Wellensaum ausbreitet, dann spiegeln sich darin all meine Ideen wie Perlmuttscheiben. In greifbarer Nähe glitzern sie, bis die nächste Welle sie überläuft und sie verworfen werden, sich im Sand schlafen legen und scheinbar durstig die nächste Welle schlucken, den nächsten Schub vom Horizont, die nächste Eingebung. Ich kann nichts daran rühren, nichts daran ändern. Ich sehe den Wellen beim Entstehen und Vergehen zu wie meinen Gedanken, von denen mir so viele unfassbare wieder entgleiten, ungesehen, ungeborgen, nie getrocknet. Und doch gebären all diese Schwingen Orilejas, alle Schatten und Farben ihres Wellenkleids in mir etwas Neues: die Ruhe der Erkenntnis, nichts zu müssen, wenn Orileja mit Aureus den letzten Abendtanz bestreitet.

Text aus Ostink




Wir befinden uns gleich im Jahre 1030 n. d. M. mit Lando im Osten vor der Dschungelküste in der „Todesbucht“. Lando ist mittlerweile 19 Jahre alt.



Isobald Eismann: Die Früchte meiner Wüste

 

Als ich jung war und glaubte, nur dank all derer, die „mich“ lasen, leben zu können, richtig leben zu können, habe ich mich von ihnen abhängig gemacht. Ich wollte gefallen, ich wollte provozieren, ich wollte anecken, ich wollte nicht gefallen. Aber vor allem wollte ich eins: die Aufmerksamkeit möglichst vieler Menschen erregen. Wollen das nicht alle großen Dichter und Denker?

Damals dachte ich, ich müsste daran zerbrechen, dass die Menschen im Norden so einfältig waren, dass sie mich nicht verstanden und dass die Schar meiner Anhänger nach meiner Rückkehr ins Nordland schrumpfte. Aber es war wohl eher mein Hunger nach Anerkennung, der hier nicht gestillt wurde. Weder hier noch in all den Jahren in der Wüste.

Heute ahne ich, dass es nicht die anderen und ihre unbändigen Reaktionen waren, die mich quälten, sondern ich, ich quälte mich selbst. Meine Geltungssucht und mein Größenwahn machten mich krank vor Enttäuschung. Es war nie genug. Nie genug Anerkennung und Applaus. Aber was hätte ich jetzt davon, wenn ich immer mehr Menschen um mich versammeln würde? Warum sollten immer mehr meine Bücher lesen, ohne sie zu verstehen? Nur um Anerkennung zu bekommen und Silber? Das macht mich nicht reicher. Was mich reich macht, das sind meine Erfahrungen, meine Erinnerungen und meine große Liebe: die Liebe zum geschriebenen Wort, die Liebe zum Schreiben.

Was macht es einem guten Text aus, wenn ihn nur wenige lesen? Das mindert doch nicht seinen Wert! Es ändert nichts daran, dass ich ihn geschrieben habe. Und es macht ihn nicht schlechter, vielleicht im Gegenteil, es macht ihn kostbarer, besser, erlesener, wie eine seltene Traube, die nur wenige schmecken können. 

Und habe ich nicht immer in erster Linie für mich geschrieben? Habe ich nicht in der Wüste hinter der Spelunke in Süd-Varan und mit dem Kopf neben dem Viehstall auf meiner Pritsche gelegen und auch geschrieben? Dort entstand „Heimweh nach langen Winternächten".

Die Erkenntnis, dass ich für mich schreibe, weil das Schreiben mein Leben ist, weitet meinen Geist um ein Vielfaches! Ich muss nicht mehr den Meinungen, den tausend Gesichtern und ihrem Applaus hinterherjagen, ich muss niemanden mehr zum Duell mit der Feder herausfordern wie einst Lambert Bentzander. Nein, ich kann mich zurücklehnen. Ich kann tief durchatmen. Ich genieße das Alleinsein.

Alle meine Sehnsüchte und mein altes Heimweh bleiben in meiner Truhe. Meine Wüstenjahre liegen im Verborgenen, wo sie hingehören! In der Einöde und in der Zeit der Entbehrung flossen viele schöne Worte aus meiner Seele, die den Menschen hier gefallen würden. Aber die Zeit des Gefallen-Wollens ist vorbei! Ich werde dem Stadtherrn und seinem Volk keine Zeile meiner goldenen oder auch nur leicht verrosteten Gedichte vorwerfen.

Jetzt sitze ich hinter meinem Erkerfenster. Ich schaue hinunter zum Unlivaster Wochenmarkt und werde Zeuge all der Eitelkeiten, die wohl menschlich sind. Da stolziert ein junger Mann an einer Schneiderin vorbei, als sollte sie an seiner Brust Maß nehmen. Auch ich war nie bescheiden und werde es wohl nie sein. Aber nie wieder muss ich mich beweisen wie der junge Fischer da unten! Nie wieder werde ich mich vom Beifall oder Tadel anderer abhängig machen!

Denn das Schreiben, das wahre, tiefe Schreiben, das gelingt mir nur ohne sie: ohne die Suche und die Sucht nach Anerkennung, ohne die Eitelkeiten, ohne den Markt da unten, ohne die anderen!

Nach dem Schreiben fühle ich mich leer wie schon lange nicht mehr. Waren es all die anderen, die ich im Kopf hatte, als ich diese Zeilen schrieb? Sind sie jetzt wie ein großes Rudel davongezogen und haben mich hohl und verfallen zurückgelassen wie eine Fischhalle nach der Auktion?

Jetzt bin ich nichts als die Behausung meiner Gedanken. Jetzt sind alle meine Mauern aus Sätzen gebaut. Aus leichten und schweren, aus Löchern und Fenstern, aus Ideen als Säulen und Erinnerungen, die wie Risse durch das Mauerwerk gehen. Jetzt bin ich bereit, mir ein Haus zu bauen, eine Stadt, ein Land, eine Welt. Jetzt bin ich bereit zu schreiben!

  


Teil 1: Wie Ein Fisch im Dschungel


Im Jahre 1030, Lando ist 19 Jahre alt.


1.    Am Abend an der Küste


Lando nahm ein Bad. Dabei dachte er an die paradiesische Bucht am Slómo. Seine Hände brannten wie Feuer. Er musste mal wieder den Fischgeruch loswerden und benutzte wie schon seit einigen Tagen eine recht scharfe Bitterfruchtseife dafür, die Ken und er selbst hergestellt hatten. Er seifte seine Hände, seine langen Arme, sein Gesicht und sogar seine Haare damit ein. Bald würden sie auch ein Shampoo herstellen, aber bis dahin benutzte er nur die Seife. Es war, als hätte er mit Ken einen Pakt geschlossen, nur noch ihre eigenen Produkte an seinen Körper zu lassen. Seine Mutter stöhnte jedes Mal, wenn er eins ihrer Hautpflege-Geschenke mit den Worten zurückgab: »Danke, Mama, aber ich brauche nichts! Ich benutze nur meine Naturseife.« Zum Glück bekam William das nicht mit. So etwas interessierte ihn ohnehin nicht. In der Firma gab es nur die billige Kernseife aus »Hamans Eck«, wie schon seit hundert Jahren. Wahrscheinlich hatte das Williams Großvater schon mit Willi Hamans Großvater so ausgehandelt, eine Kernseifenlieferung zu besonders günstigen Konditionen für eine halbe Ewigkeit.

Lando duschte sich den hellgelben Schaum vom Kopf. Dabei schloss er seine Augen, damit keine Seife hineinkam. Länger als sonst ließ er den Duschstrahl auf sich niederprasseln, während das Wasser von ihm abperlte und die Seife einen hellgelben Schaumkranz um ihn herum verteilte. Langsam öffnete er seine Augen wieder. So musste es aussehen, wenn der nordische Vulkan seine Lava ins Meer fließen ließ, dachte er. Es gab viele Geschichten über Roterberg. Eigentlich war es schade, dass die Tanzende Meerjungfrau in dieser Bucht kein Vulkan, sondern eine einfache Felseninsel war, dachte er nun.


Plötzlich riss ihn das Scheppern der Fensterläden seiner Nachbarin aus den Gedanken. Er stellte das Wasser ab, stieg aus der Wanne und trocknete sich ab. Der Spiegel war beschlagen. Schnell wischte Lando mit seiner rechten Hand darüber und blickte anschließend in sein schmales Gesicht. Die blonden Haare hingen ihm mittlerweile bis zu seinen Schultern herab, sodass er sich inzwischen schon einen Zopf machen konnte. Und das tat er jetzt auch. Wahrscheinlich würde er bald auch so einen langen Zopf haben wie Hartwig. Der Gedanke gefiel ihm. Er wäre gern so wie Hartwig. Der Klippenwächter war mit seiner Ruhe und seinem wohltuenden Schweigenkönnen fast schon wie ein alter Trohpa, der hier die Bucht bewachte. Nur wenn Hartwig glaubte, ein Piratenschiff entdeckt zu haben, dann benahm er sich, als wäre er von einer Malutmücke gestochen worden.


Lando öffnete das Badezimmerfenster, um die feuchte Luft hinauszulassen. Am Abend wurde es schon merklich kühler. Jetzt hörte er Sand unter Rädern knirschen. Er ging in sein Wohnzimmer, das eigentlich eher sein Schlafzimmer war, denn in der Mitte stand das Bett vor dem großen Fenster. Von dort aus hatte man einen perfekten Blick in die Bucht hinunter. Allerdings hatte er nicht viel davon, denn er kam immer erst spät nach Hause. Entweder war er noch bei seinen Eltern zum Essen, bei Brandon im »Aureus« oder aber er hockte mit Ken in der kleinen Kammer im Internat und brutzelte oder rührte in irgendwelchen Töpfen herum, um Salben und Tinkturen herzustellen. Ken testete die Produkte und auch Lando musste sich damit einreiben, um alles an sich zu testen. In neun von zehn Fällen bekam er einen Ausschlag davon, was Kens und seine Vermutung bestätigte, dass Kiemenmenschen eine wesentlich empfindlichere Haut hatten als andere Menschen, beziehungsweise dass sie nicht dieselben Produkte vertrugen wie die Kiemenlosen. Ken verstand es nach wie vor nicht, denn er meinte, dass gerade so gute Schwimmer und Taucher, die es doch recht lange im Nordmeer aushalten konnten, abgehärteter sein müssten als sämtliche Landratten.


Jetzt stand Lando nur mit einem Handtuch um die Hüften vor dem Fenster und fröstelte. Nein, abgehärtet war er nicht, definitiv nicht. Dennoch öffnete er das Fenster. Er brauchte das Wellenrauschen, zumindest jetzt, kurz bevor er sich hinlegte. Er hatte es aufgegeben, bei offenem Fenster zu schlafen, seit sich immer wieder Fledermäuse in sein Zimmer verirrt hatten. Nun schritt er zurück und streckte sich. Anschließend hielt er sich mit beiden Händen an dem alten Balken fest, der die Seitenwände miteinander verband und sie stützte. Er drückte seinen Rücken durch. Es knackte. Das lange Stehen in der Fischhalle war die Hölle für ihn.


Obwohl der Wind, der vom Meer hereinwehte, ihm eine Gänsehaut bescherte, so verharrte Lando nun beim Blick nach draußen. Aufmerksam betrachtete er die Umrisse der Büsche, die sich im Schein der Laterne so unermüdlich bewegten, als lebte ein großes Tier darin, das aus vielen runden Gliedmaßen voller Blätter bestand. Froh darüber, dass er noch immer solche Dinge sah, sie noch immer sehen konnte, lächelte er. Nein, Anna hatte seine Fantasie nicht mit nach Sîlard genommen. Das war gut. Das hätte sie auch gar nicht gekonnt. Denn jetzt, wenn er es so im Nachhinein betrachtete, war ihre Fantasie doch stets nur eine aus fremden Geschichten geborgte gewesen. Seine dagegen war einzigartig. Und sie hatte nichts mit den Büchern zu tun, die Anna heimlich in Kens und seinem Keller gehortet hatte!


Jetzt war es genug. Er hatte das halbe Meer im Zimmer. Zumindest roch es so. Und kühl war es auch. Lando löste seine Hände, ging ein paar Schritte vor und schloss das Fenster. Wie immer um diese Zeit huschten einige Fledermäuse vom Dach in Richtung Steilküste. Ganz hinten auf dem Klippenweg konnte er zwei Gestalten ausmachen. Ihre Stimmen waren ganz schwach zu hören. Das mussten Jimmy und Liana sein. Gingen sie etwa Hand in Hand? Zu wünschen wäre es ihnen. Oder besser gesagt: Jimmy wäre es zu wünschen. Keiner der Fischer hielt es mehr aus mit ihm und seinem Liebeskummer, seiner ewigen Schwärmerei und seinem Gejammer. Liana hier, Liana da. Dabei hatte er sich im Sommer doch noch mit Nelly amüsiert, einer einfach gestrickten, aber steinreichen Süd-Varanerin, die nun mit Sack und Pack wieder in den Süden gesegelt war. »Jimmy und die Liebe …«, hatte Tyron leise zu Lando gesagt, »…das ist wie ein Jagjaru und das Meer – es passt einfach nicht zusammen!« Vermutlich hatte Tyron recht. Doch während dieser Satz sich in Landos Kopf festgesetzt hatte, hatte er sich damit angesprochen gefühlt. Passte es bei ihm auch nicht zusammen?


Erneut sah er hinaus, diesmal zur anderen Seite, zum Treppengeländer an der Steilküste. Hartwig blieb oft noch ein wenig länger. Lando kam es so vor, als hätte der Klippenwächter es sich aus welchen Gründen auch immer mal wieder zur Aufgabe gemacht, als Letzter da unten zu bleiben. Bis zum ersten Mondlicht harrte er häufig auf dem obersten Treppenabsatz aus, aber heute standen die beiden Monde Monarch und Spion bereits sichelförmig am Himmel. Hatte er denn ganz die Zeit vergessen?

Als hätte Hartwig Landos Gedanken gelesen, stand er plötzlich auf. Damit er ihn nicht am Fenster stehen sah, wich Lando schnell zurück. Er zog sich eine Baumwollhose an und legte sich mit nacktem Oberkörper aufs Bett. Mit beiden Händen griff er an seinen Hals. Da waren sie, seine beiden Ketten: die eine von Aponi und die andere…von einem Clan aus dem Nordland, vermutlich von einem der ersten Siedler. Aponi hatte ihm die Perlenkette nur gegeben, weil sie kein Geschenk hatte annehmen wollen. Jetzt kam es Lando wie ein unangemessener Tausch vor. Denn all die Laponfische und Mondmuscheln, die sie ihrem Clan von ihm mitgebracht hatte – von dem »Händler aus Ostink«, die waren doch längst verspeist. Und er, er hatte die Perlenkette von ihr immer noch. Er sollte sie ihr zurückgeben. Immer wieder sah er ihr schönes Gesicht vor sich. Aponi Magena. Bald würde er sie wiedersehen!


Lando stellte seinen Wecker auf fünf Uhr. Morgen ging die Schufterei wieder los. Er hatte es geahnt, dass ihm die Arbeit in der Fischhalle nicht gerade viel Spaß machen würde, aber dass ihm das alles bereits nach so kurzer Zeit so sehr zum Hals heraushängen würde, das hätte er nicht gedacht. Wie schaffte das sein Vater nur? Wie konnte jemand allen Ernstes sein Leben lang Fische ausnehmen, sie in Eiskisten legen, zum Markt schleppen und verkaufen? Das konnte doch kein erfüllender Lebensinhalt sein. Lando fragte sich, ob er womöglich zu verwöhnt war, so wie es sein Vater oft behauptete. Vielleicht. Er sollte sich zusammenreißen. Seine Mutter hatte in seinem Alter noch viel mehr geschuftet. Auf der Wüstenrinderfarm in Süd-Varan hatte sie sich danach gesehnt, wenigstens einmal im Monat einen Nachmittag frei zu haben. Lando hatte drei freie Nachmittage! Und am Aureustag musste er auch nicht arbeiten. Also sollte er sich wirklich mal nicht so anstellen. Er seufzte.


All diese Gedanken und das innerliche, gute Zureden halfen nichts. Er hatte keine Lust dazu, in der Fischhalle oder an der Seilwinde zu schuften und das würde auch so bleiben. Natürlich würde ihn auch niemand dazu überreden können, mit aufs Meer hinauszufahren. Damit war er hoffentlich durch. Doch bei William wusste man das nie. Vermutlich hatte er ihn nur für keins der Fischerboote eingeteilt, weil einige junge Kiemenmänner aus der Südbucht nachgekommen waren und die Boote alle gut besetzt waren.

Das Einzige, was Lando Freude bereitete, das war sein geheimes Heilkräuter-Projekt mit Ken. Noch immer nannten sie es nach ihrem damaligen Lehrer Nathan, der schon längst fortgezogen war, »Naths Floh«. Es war der Floh, den er ihnen damals ins Ohr gesetzt hatte. Sie wollten Medikamente für Kiemenmenschen herstellen. Und jetzt, da Ken Medizin studierte und die Hausmeisterwohnung des Internats in eine kleine Hexenküche verwandelt hatte, da würde der Durchbruch vermutlich nicht mehr lange auf sich warten lassen. Bald würden sie DIE bahnbrechende Salbe herstellen, die Ken und ihn reich machen würde.

Dann könnte Lando sich endlich von der Fjordt-Firma lossagen und seinen Vater dazu überreden, Tyron als Nachfolger einzustellen. Der würde sich eh viel besser zum Leiten einer Firma eignen als Lando. Aber das war noch lange hin, denn William war noch keine fünfzig Jahre alt und er würde die Fjordt’sche Fischhandelsfirma bestimmt noch genauso lange leiten, wie er noch stehen und Kommandos von sich geben konnte, das war klar. Und das bedeutete also auch, dass Lando noch etliche Jahre vor sich hatte, in denen er täglich Sohn war und zu spüren bekam, was das aus Williams Sicht bedeutete. Es bedeutete auch, dass er sein neues Pferd Sunny wohl bald verkaufen könnte, wenn er es eh nur noch am Aureustag bis zum Dschungel schaffte. Sunny war für keine langweiligen Runden auf der Koppel gemacht. Sie musste raus, sie gehörte in den Dschungel oder in die Steppe. Vermutlich hatte sie einem Trohpa gehört. Randolf hatte ihn belogen, was die Herkunft dieser Stute betraf. Aber Lando konnte es dem dreisten Pferdehändler nicht übel nehmen, denn es freute ihn auf eine gewisse Weise doppelt, dass Sunny vermutlich von den Trohpa stammte. Erstens fand er es genial, weil er so insgeheim allen Trohpa-Hassern, vor allem auch seinem Vater, eins auswischte, und zweitens fürchtete sie sich so nicht, sobald er mit ihr zum Slómo reiten würde, um dort Aponi zu treffen.


Mit ausgebreiteten Armen lag er nun auf seinem Bett. Endlich hatte Jimmy sich getraut, Liana anzusprechen, dachte Lando. Und dabei hatte Jimmys Stimme ziemlich hoch, aufgeregt und nicht so wie sonst geklungen. So war das wohl, wenn Gefühle mit im Spiel waren. Ob seine Stimme auch so sonderbar klang, wenn er mit Aponi sprach? Das wollte er nicht. Er wollte auch nicht absichtlich langsam oder deutlich sprechen, weil sie nicht von hier war, denn das machte keinen Sinn. Schließlich sprach sie seine Sprache so perfekt, als wäre sie eine Ostinkerin. Wie das möglich war, wusste er nicht. Vielleicht waren die Trohpa Naturtalente, was Sprachen betraf. Auch Berrowak hatte akzentfrei gesprochen. Er hatte manchmal sogar ein paar typische nordische Ausdrücke mit eingeflochten.


Es war schon verrückt, in welch kurzer Zeit Lando quasi »unter die Trohpa« gegangen war. Vielleicht klang das jetzt ein wenig übertrieben. Aber zumindest konnte er sich schon ein viel besseres Bild von ihnen machen. Und »Wilde« oder »korrupte Händler« waren sie ganz und gar nicht. Er wusste nicht, warum, aber er fühlte sich immer mehr zu ihnen und ihrer Welt hingezogen. Sowohl der Krallenbären-Trohpa auf dem Markt als auch Aponi hatten eine seltsame Ruhe ausgestrahlt. Lando war in ihrer Gegenwart präsenter gewesen, wacher und aufmerksamer. Nicht so wie in der Fischhalle, in der nach einer gewissen Zeit der Geruch, die Stimmen, das scheppernde Radio, der Fisch in den Händen und die Bewegungsabläufe zu einer einzigen breiigen Konsistenz eines Jetzt-Gefühls mutierten, das nicht sehr spürbar war. Dann trat alles zurück, dann wurde alles zu einer bloßen Kulisse seiner Gedanken, die entweder in guten Kindheitserinnerungen mit Ken an der Küste, Gesprächen mit Hartwig und natürlich in jedem kleinen Detail und jeder Geste Aponis schwelgten. Sie hatte nicht ihr Stirnband abgenommen, sie hatte nicht ihr drittes Auge entblößt. Falls sie überhaupt eins hatte.


Vermutlich war das ganze Gerede über die Drittaugen nichts als Seemannsgarn. Auch die irren Beschreibungen des Dschungelforschers Orkideus Feuereisen waren bestimmt nur Hirngespinste. Und dennoch wäre Lando kein Fjordt und kein Nachfahre der Fantasie verliebten Kiemenmenschen Unlivasts, wenn nicht ein kleiner Teil von ihm immer noch felsenfest daran glaubte, dass an jedem dieser unheimlichen Gerüchte etwas Wahres dran sein könnte. Ganz so wie ein Nordmensch zu Angus Norwins Zeiten, der noch an Dämonen geglaubt hatte. Doch mit dem Unterschied, dass Lando den Trohpa nichts von Grund auf Schlechtes zuschrieb. Er glaubte vielmehr, dass sie über besondere Fähigkeiten verfügten, dass einige von ihnen einen Hang zur Magie hatten und dass sie einfach mehr sahen als die Menschen aus Ostink. Die Trohpa konnten nicht nur im Dschungel Tiere und Geräusche wahrnehmen, die ein Fischer vermutlich nicht sehen oder hören würde, sondern es war ihnen offensichtlich auch gegeben, in die Menschen hineinzublicken. Das hatte Aponi getan. Er war sich nackt, vollkommen entblößt vorgekommen unter ihrem einem langen Blick. Und in dem Moment hatte er das Gefühl gehabt, jetzt wüsste sie alles über ihn.


Er müsste herausfinden, ob sie ein drittes Auge hatte. Und dann? Was dann? Er konnte doch nicht so unhöflich sein und fragen: »Sag mal, Aponi, hast du eigentlich ein drittes Auge in der Stirn? Ja? Dann zeig mal her!« Entweder würde er damit den magischen Zorn der Magenas, ihres Clans, auf sich ziehen, oder Aponi würde schallend lachen und er würde sich mal wieder lächerlich machen. Das wollte er auf keinen Fall. Er hatte sich schon einmal blamiert. Damals mit Anna. Ja, das war »damals«. Es kam ihm schon so lange her vor. Dabei war es erst ein Jahr und ein paar Monate her. Er, der »dumme Fisch«, war in Ostink geblieben, nicht um hier zu »verrotten«, sondern um sich selbst treu zu bleiben. So sah er das inzwischen.


Alle, die nach Sîlard gezogen waren, die hatten sich verbogen oder die würden sich früher oder später verbiegen, um sich in der Metropole anzupassen. Dort wehte ein anderer Wind. Dort gab es Gesetze und Verhaltensregeln, von denen man in Ostink noch nie etwas gehört hatte. Beruf, Einkommen, Kleidung und Wohnviertel waren viel entscheidender als hier, und das sollte etwas heißen! Woher er das wusste? Von Brandon natürlich. Brandon kannte ganz Rodiwana. Und es gab keinen Ostink-Reisenden, der sich nicht schon einmal mit Brandon Montiga im »Aureus« unterhalten hatte, denn ein Blick dieses scheinbar immer gut gelaunten Kellners - oder war er nicht vielmehr schon der Besitzer des »Café Aureus«? - genügte, um jedem das Innerste zu entlocken, besser als es je ein Seelendoktor es vermocht hätte.


Die neue Siedlung im Norden entwickelte sich auch schon zu so einem kleinen Sîlard, dachte Lando jetzt. Dort wohnten die Reichen aus der Metropole. Und er konnte nur von Glück sagen, dass die Schulzeit hinter ihm lag, denn er hörte andauernd von Brandon, dass die Kinder der Sîlardi immer arroganter und dreister wurden und dass sie mit Mokernüssen handelten. Das war eine neuen Art der Mondtnüsse, die noch süchtiger machen sollte und zu Halluzinationen und Verfolgungswahn führen konnte. Diese Neureichen und Zugedröhnten benahmen sich hier, als gehörte ihnen ganz Pagus. Jeder hatte einen eigenen Toschgab, so ein modernes Telefon, das Lando auch vor einiger Zeit von Paola geschenkt bekommen hatte.


Seit Aponi mit Sunny in den Dschungel geritten war und er für eine kurze Zeit geglaubt hatte, er müsste sich allein durchschlagen, hatte er sowohl den Toschgab als auch seinen alten Revolver immer bei sich, wenn er sich auf den Weg zum Slómo machte. Doch wenn er jetzt darüber nachdachte, so fragte er sich, ob er wohl wirklich jemals Hilfe mit einem Toschgab rufen würde. Wer sollte denn kommen und ihm helfen? Wer sollte ihn retten, wenn ein Jagjaru oder ein magischer Magena vor ihm stand? Der Ranger Albert? Brandon? ... Der käme bestimmt nicht, obwohl er am besten schießen konnte.

Brandons Eltern waren damals von zwei Jagjarus getötet worden. Wenn also Gefahr drohte, dann würde Lando lieber seinen Revolver benutzen oder sich mit Aponi zur Wehr setzen. Aponi wäre wohl eine noch bessere Waffe. Sie konnte kämpfen und jagen. Das wusste er zwar nicht, aber er ging davon aus. Es war etwas erbärmlich, sich als Mann auf die Kampfkunst einer Frau verlassen zu müssen, aber bei der letzten Begegnung hatte er sich neben ihr tatsächlich sicher gefühlt. Er hatte Revolver und Pfeil und Bogen nur nach oben auf den Stein geholt, weil sie ihn darum gebeten hatte. Ihm war es gar nicht aufgefallen.


Jetzt war die Brandung sogar durch das geschlossene Fenster zu hören. Eine Möwe hörte er nun auch kreischen. Die ihm so vertrauten Geräusche bildeten die Hintergrundmusik für die Bilder in seinem Kopf. Er genoss es, mit geschlossenen Augen auf seinem Bett zu liegen und sich daran zu erinnern, wie Aponi vor dem Wasserfall aus dem Slómo aufgetaucht war. Und selbst wenn sie ihn verhext hätte, so war er ihr jetzt dankbar dafür.


Dann schlief er ein. Lando träumte von seinem ersten langen Tauchgang. Der Schwebfisch hing metergroß über ihm. Seine Tentakelspitzen glühten rot. Luftblasen quollen aus seinem Maul. Seine Finger griffen ins Netz. Er wusste im Traum plötzlich, dass er all dies so erlebt hatte und doch war etwas vollkommen anders: Er hatte keine Angst mehr. Lando betrachtete das Netz genauer. Jetzt wollte er es zerreißen. Mit beiden Händen zog er daran. Und da ließ es sich wie durch ein Wunder ganz leicht öffnen. Der Schwebfisch war so irritiert, dass aus seinen Tentakeln ein buntes Feuerwerk sprühte. In diesem Moment erkannte Lando unzählige kleine bunte Fische. »Laichzeit«, sagte eine Stimme hinter ihm. »Die Trohpadi kommen.« Lando drehte sich um. Er sah in das Gesicht einer dunkelhaarigen Meerjungfrau. Es war Aponi Magena. Und sie lächelte.



22.02.2024 von Bente Amlandt, Copyright 2024




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